Gegenüber 2011 / 2013

Von Elke Neumann
Katalogtext zur Ausstellung in Grube (Prignitz), 2013


In der Arbeit von Ilka Meyer sitzt man sich, wie der Titel sagt, gegenüber. Jedoch ist die Sitzgelegenheit keine alltägliche, die Hochsitze, auf denen man seinem Gegenüber begegnet, heben die Aussicht einige Meter in die Höhe. Die Künstlerin verschafft dem Betrachter so eine neue Perspektive und führt zugleich den Zweck der verwendeten Ansitzböcke ad absurdum. Der Ausguck findet bei der paarweisen Aufstellung ein Gegenstück, das ihm frontal im Blickfeld steht und ermöglicht nicht den freien Blick auf das Umfeld oder in die Ferne.

Ilka Meyer beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit der Wahrnehmung von Raum, schafft temporäre Monumente oder kleine Eingriffe, um das Erleben der eigenen Umwelt ins Bewusstsein zu rufen. Der Betrachter erhält die Gelegenheit, seine Grenzen und zugleich seine Möglichkeiten zu erfahren, scheinbar Nebensächliches gerät in den Fokus. Gegenüber greift einen Wunsch aus Kindertagen auf: niemand, der nicht trotz Verbotes auf Spaziergängen der Versuchung dieser Aussichtstürme der Jäger erlegen wäre.

Nun ist es erwünscht, den erhöhten Blick auf die Welt einzunehmen. Mehrere Paare dieser Holzbauwerke stehen sich wie Inseln gegenüber. Für ein Gespräch in gewohnter Lautstärke ist der Abstand zwischen den Sitzenden zu groß, man kann sich betrachten, das wiederum verbindet mit dem ursprünglichen Zweck des Sitzes – still sein und schauen.

Wie viel kann man über Menschen wissen, die man vom Sehen kennt? Nachbarn in Dörfern meinen sich trotz weniger Sätze über den Gartenzaun zu kennen. Meist kennt man den Beruf des Anderen und wer zu wem gehört. Einige Eigenheiten, der von nebenan, lassen sich beobachten, während man, nach kurzem Gruß, zur eigenen Gartenarbeit zurückkehrt. Das Wissen über den Einzelnen stammt oft aus einer Summe von Geschichten, weniges ist aus erster Hand.

Das Gegenüber auf dem Hochsitz ist allein nach oben geklettert, lässt sein Umfeld und den Kontext am Boden. Die entrückte Lage gibt Gelegenheit, neue Kommunikationsformen zu erfinden, mit Gesten um Verständigung und Annäherung zu ringen und weckt den Wunsch, die Kluft zu überbrücken. Ein Auseinandersetzen ist nahezu unausweichlich. Vielleicht gelingen flüchtige Augenblicke der Nähe oder die anderen Hochsitzenden bleiben unerreicht. Es sei denn man steigt herab und begegnet sich.

 

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